Freitag, der 30. Januar 1920

Matthias Erzberger geht es besser. Er darf erstmals für kurze Zeit aufstehen. Im Moabiter Kriminalgericht geht der Prozess unterdessen ohne ihn weiter. Mehrere Zeugen bestätigen, dass er tatsächlich ohne sein Wissen in den Vorstand der Ostropa gewählt worden sei und ein Brief, der ihn davon hätte in Kenntnis setzen sollen, wohl nie übergeben wurde.

 

In der preussischen Landesversammlung kommt es zu tumultartigen Szenen, als der preussische Innenminister Heine den anhaltenden Ausnahmezustand und die Verbote der linken Zeitungen abermals mit den Ereignissen vom 13. Januar rechtfertigt und der USPD noch direkter als zuvor unterstellt, das Kommando zu den Ausschreitungen gegeben zu haben und das linke Zeitungen im besetzten Rheinland mit französischen Geldern gegründet worden seien. Erich Dombrowski vom Berliner Tageblatt meint, alle Proteste der Linken gegen den Ausnahmezustand und die Zeitungsschließungen wären berechtigt, wenn diese nicht zusammen mit den Kommunisten der Republik den Kampf auf Leben und Tod angesagt hätte. Nach dem Tod des klugen Taktikers Hugo Haase habe die Partei den Weg nach Moskau eingeschlagen und lege mit wilden Eisenbahner- und Kolenarbeiterstreiks die Hand an die Gurgel des Staates „um das Chaos: Hunger, Elend und feindlichen Einmarsch herbeizuführen.“

 

In Hamburg wird Schauspieler Alexander Moissi mit Stinkbomben, Feuerwerkskörpern und Stuhlbeinen beworfen, als er Gedichte von Goethe, Heine und Tolstoi vorlesen will. Die Randalierer, hauptsächlich Studenten und Schüler höherer Schulen, beschimpfen ihn als Kommunisten und Vaterlandsverräter. Moissi, österreichisch-albanischer Herkunft und vor dem Krieg ein Superstar, hatte sich 1914 freiwillig zum deutschen Heer gemeldet und war in Gefangenschaft geraten. 1918 jedoch sympathisierte er zeitweillig mit den Kommunisten.

 

Dagegen veröffentlicht der deutschnationale Abgeordnete Walther Lambach ein höchst bemerkenswertes Buch. Es heißt „Ursachen des Zusammenbruchs“ und predigt nicht die Dolchstoßlegende, sondern veröffentlicht Soldatenbriefe, die beweisen, dass die Stimmung an der Front Ende 1915 kippte. Und zwar einerseits durch die Art wie viele Offiziere, vor allem Reserveoffiziere, die Soldaten behandelten. Aber auch durch die verlogenen, geschönten Berichte „besonders in den illustrierten Kriegszeitschriften“. Lambach konstatiert, die Leiter der Kriegsaufklärung seien „genauso dumm gehalten, wie diejenigen, die sie aufklären sollten“, die militärischen Berichte wertlos, zu „mehr als 50 Prozent erdichtet.“ Die zuständigen Stellen hätten von all dem gewusst, aber es nicht verstanden. „Indem sie sich nicht belehren ließen, wurden sie zu Verbrechern am Volke und verfielen mit Notwendigkeit der rächenden Hand der historischen Gerechtigkeit.“

Das Berliner Tageblatt widmet dem Buch eine ausführliche Besprechung und konstatiert. „Kann die Notwendigkeit des Übergangs vom Obrigkeitsstaat eindringlicher gepredigt werden als es hier von deutschnationaler Seite geschieht?“ Der Wert des Buches liege nicht in neuen Erkenntnissen, sondern vor allem darin, dass Dinge, die bisher von der rechten Presse als Erfindungen oder maßlose Übertreibungen böser Demokraten und Sozialdemokraten bezeichnet wurden,  nun durch Quellen aus dem eigenen Lager bestätigt würden.

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