Freitag, der 7. November 1919

In Berlin, aber auch zahlreichen anderen Städten werden Versammlungen, die den Jahrestag der russischen Oktoberrevolution feiern, von Polizei und Militär aufgelöst. In Neukölln stürmen Kommunisten eine Sitzung der Stadtverordenten und entfachen eine wüste Prügelei, die erst nach einer Viertel Stunde von der Reichswehr beendet werden kann. Der Grund: ein Antrag der SPD, in Neukölln wie in anderen Stadtteilen die kommunalen Arbeiterräte aufzulösen.

 

Dazwischen mischt sich die Nachricht, dass Hugo Haase gestorben ist. Das kommt nicht unerwartet. Bald nach der Amputation hatte die Blutvergiftung erneut um sich gegriffen und während in den täglichen Bulletins anfangs noch von einem Wechsel von apathischen Leiden und besseren Momente war, wurden das Befinden des USPD-Parteivorsitzenden und der Tenor der täglichen Berichte immer schlechter. Erich Dombrowski würdigt ihn im Berliner Tageblatt als einen lauteren Charakter, der immer nur seinen Überzeugungen gefolgt ist und nie radikal um der bloßen Opposition willen war, sondern immer wegen der Sache. Er habe auch Verständnis für praktische Fragen gehabt, sei aber immer mehr Intellektueller als handelnder Politiker gewesen. „Ein Hamlet des Kritizismus“. Politisch sei er im Grunde in eine Sackgasse geraten. „Während andere, wie Ledebour, Eichhorn und Barth noch weiter nach links rückten und offen die Diktatur des Proletariats durch eine neue Revolution erzwingen wollten, blieb er, überlegend, auf halbem Wege stehen.“ Im Grunde aber wurde nach Haases Tod die ganze USPD zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus zerrieben.

Haases Mörder wird für unzurechnungsfähig erklärt.

 

In Berlin ist der Untersuchungsauschuss die ganze Woche weitergegangen und wurde vom Berliner Tageblatt weiterhin umfangreich dokumentiert. Admiral Reinhard Koch sagt aus, da eine Aussicht auf eine günstige Entscheidung im Landkrieg kaum noch vorhanden gewesen war, habe man im Admiralsstab Anfang 1917 im U-Boot-Krieg die einzige Chance gesehen, den Krieg baldigst zu beenden, auch wenn man wusste, dass dies vermutlich den amerikanischen Kriegseintritt bedeuten würde.

Ex-Kapitän Lothar Persius kommentiert im Tageblatt, für einen realistischen Erfolg hätte es nie genügend Boote gegeben, da Tirpitz und sein Nachfolger Eduard von Capelle den U-Boot-Bau lange Zeit vernachlässigt hätten. Um die Anzahl der U-Boote aber wäre ein großes Geheimnis gemacht worden. „Bezüglich der Zahl unserer U-Boote wusste der Feind besser Bescheid, als – viele unserer höchsten Seeoffiziere.“

Der Prozessbeobachter des Tageblattes meint, obwohl sich die Untersuchung bislang nur mit den Vorfällen im Winter 1916/17 befasse, sei schon klar, dass eigentlich nicht die Verfehlungen von Personen untersucht würden, sondern die eines Systems.

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.