Montag, der 19. Januar 1920

Vor dem Berliner Landgericht beginnt der Prozess, den Finanzminister Erzberger gegen Karl Helfferich wegen Verleumdung angestrengt hat. Im Kern geht es um Hellferichs Broschüre „Fort mit Erzeberger“, in dem dieser Erzberger vorwirft, seine Friedensinitativen während des Krieges hätten nicht nur den Kriegswillen des Feindes gestärkt, sondern sie seien auf Anstiftung der österreichischen Politik hinter dem Rücken der deutschen Reichsleitung verfolgt „für einen Frieden nicht etwa der Verständigung, sondern des Verzichts und der Unterwerfung.“ Damit habe Erzberger jede Hoffnung auf Frieden, die im Sommer 1917 unter dem Druck des U-Boot-Krieges herangereift sei, sabotiert. Diese Broschüre wird zum Auftakt des Prozesses erst einmal drei Stunden lang verlesen. Es folgen diversen Presseartikel, in denen Helfferich Erzberger auch noch als notorischen Lügner bezeichnete und ihm vorwarf unlautere Geschäfte zu machen. Erzberger wiederum warf Helfferich vor, an Deutschlands jetziger Situation ein gerüttelt Maß an Schuld zu tragen. Denn unter seiner Ägide als Finanzminister seien die Pläne zur Ausbeutung Belgiens gemacht und gefördert worden. Helfferich sei der Exponent jener verhängnisvollen Politik, die das Deutsche Reich und das deutsche Volk in den Zusammenbruch geführt hätten. Helfferich bezeichnet auch die schwerindustriellen Aspirationen auf Belgien, eine während des Krieges oft wiederholte Hauptforderung, wenn es um Kriegsziele ging, als gemeine Lüge.

 

Währenddessen verläuft die Räumung der abzutretenden Gebiete in Schlesien, Westpreußen, Ostpreußen und Schleswig ohne Zwischenfälle.

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