Dienstag, der 11. März 1919

Der Freikorps-Führer Wilhelm Reinhard schickt seine Soldaten in die Französische Straße in Berlin, wo sich die Zahlstelle der Volksmarinedivision befindet. Der Auftrag lautet, eine anstehende Lohnauszahlung zu verdindern und „ausgiebigst von der Waffe Gebrauch zu machen“. Im Laufe des Vormittags nehmen die Freikorps-Leute rund 300 Matrosen fest, die ihren Sold abholen wollen. Ob und wie viele von ihnen überhaupt am Aufstand beteiligt waren, weiß kein Mensch. Denn offiziell hatten die roten Matrosen ja nicht die Seiten gewechselt. Der Kampf auf dem Alexanderplatz galt Freikorps-Leuten, die sie zuerst beschossen hatten (ob nun absichtlich oder nicht). Es ist auch keineswegs ausgemacht, dass alle Matrosen danach auf Seiten der Aufständischen kämpfen. Vermutlich blieben ettliche regierungstreu oder verhielten sich abwartend neutral. Der Kommandant der Freikorps-Einheit, Oberstleutnant Otto Marloh, begnügt sich jedoch nicht mit Verhaftungen, sondern lässt 29 seiner Gefangenen erschießen. Nach einer Version, wählte er jeden zehnten aus, nach einer anderen überließ er die Selektion einem gewissen Waldi Penther, der die Männer auswählte, denen der „Verbrecherphysiognomien“ unterstellte.

Marloh wird im Dezember wegen der Morde zwar angeklagt, aber freigesprochen, weil das Gericht die willkürlichen Hinrichtungen als durch den Schießbefehl gedeckt ansieht, obwohl der sich ausdrücklich auf Menschen bezog, die gegen die Regierungstruppen „kämpfend“ angegetroffen wurden. In anderen Fällen wurden sogar Angeklagte freigesprochen, die Verhaftete hingerichtet hatten, die im Gegensatz zu den Matrosen unbewaffnet gewesen waren. So exekutierte eine Freikorps-Einheit, die in der Andreas-Schule in Friedrichshain statoniert war, zahlreiche Gefangene entweder in der Schule selbst oder an der nahen Schillingbrücke und behauptete hinterher, die Gefangenen seien von anderen Einheiten zur Exekution übergeben werden und man sei selbstverständlich davon ausgegangen, dass die ihre Schuld einwandfrei festgestellt hätten.

 

Insgesamt kommen bei den „Märzkämpfen“ wohl mindestens 1200 Menschen ums Leben. Manche Schätzungen belaufen sich auch auf rund 2000. Ein Versuch, wieviele davon wirklich Aufständische, wieviele unbeteiligte Zivilisten waren, wurde nie unternommen. Die Lüttwitztruppen dagegen haben nur 75 Opfer zu beklagen.

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