Donnerstag, der 6. Februar 1919

Weimar hat geflaggt. Die Glocken der Kirchen läuten. Am Vormittag treffen sich noch einmal die Fraktionen, am Nachmittag tritt im Hoftheater von Weimar die neugewählte Nationalversammlung zusammen. Ebert hält seine Eröffnungsrede. Er begrüßt zunächst die erstmals anwesenden Frauen, dann erklärt er, dass die provisorische Revolutionsregierung nun ihr Mandat in die Hände der Nationalversammlung zurücklege. Ebert räumt Schwierigkeiten bei seiner bisherigen Regierungsführung ein, erklärte aber alles getan zu haben, um das wirtschaftliche Leben wieder in Gang zu bekommen. „Die provisorische Regierung hat eine sehr üble Erbschaft angetreten. Wir waren im eigentlichsten Wortsinne die Konkursverwalter des alten Regimes: Alle Scheuern, alle Läger waren leer, alle Vorräte gingen zur Neige, der Kredit war erschüttert, die Moral tief gesunken.“ Ebert weist auch die Dolchstoßlüge zurück. „Wir haben den Krieg verloren. Diese Tatsache ist keine Folge der Revolution.“ Die Regierung Max von Baden habe angesichts der militärischen und wirtschaftlichen Umstände nicht anders gekonnt habe, als einen Waffenstillstand einzuleiten. „Die Revolution lehnt die Verantwortung ab für das Elend, in das die verfehlte Politik der alten Gewalten und der leichtfertige Übermut der Militaristen das deutsche Volk gestürzt haben.“ Nun aber brauche es eine „breite Heerstraße der parlamentarischen Beratung und Beschlussfassung“ für zukunftsweisende Veränderungen. Daneben richtet sich ein großer Teil der Rede an die Mächte der Entente. Ebert erklärt, Deutschland habe ein Recht auf einen Frieden auf Basis der 14 Punkte Wilsons und eine Wiedervereinigung mit Deutsch-Österreich.

Theodor Wolff moniert im Berliner Tageblatt, Ebert habe bei dieser Rede wie ein braver Handwerksmeister gewirkt.

Die verschiedenen Fraktionen residieren in den großen Hotels der Stadt. Das Residenzschloss wird provisorischer Regierungssitz. In der Aula des Sophienstiftes wird ein provisorisches Telegraphenamt eingerichtet. Abends treffen sich die Abgeordneten gerne im Fürstenkeller.

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