Mittwoch, der 6. November 1918

Die Regierung hat eine Waffenstillstandskommission zusammengestellt. Da Conrad Haußmann, der ursprünglich vorgesehen war, erst am Abend aus Kiel zurück gekehrt ist, wird sie von dem widerstrebenden Matthias Erzberger geleitet, der erst vor drei Wochen seinen Sohn verloren hat. Ihn begleiten ein Botschaftsrat des Außenamts, sowie je ein Vertreter des Heeres und der Marine. Die OHL hatte eigentlich auf einem Offizier an der Spitze bestanden, doch die Regierung traute dem Militär nicht mehr. Außerdem will sie gegenüber dem Kriegsgegner die neuen Machtverhältnisse unterstreichen. Dass das auf Marschall Foch keinen Eindruck machen wird, kann sie nicht ahnen, dass später ihr, nicht dem Militär die Schuld gegeben wird, dass die Waffenstillstandsbedingungen nicht besser waren, vielleicht schon. In Österreich jedenfalls haben sich die Sozialdemokraten rund um Victor Adler erfolgreich geweigert für das alte Regime die Kastanien aus dem Feuer zu holen.

 

In Kiel hat sich die Lage beruhigt. Beschützt von bewaffneten Patrouillen des Arbeiter- und Soldatenrat öffnen die ersten Läden wieder. Auf einer Versammlung am Nachmittag fordert Gustav Noske seine rund 1000 Zuhörer auf, den Aufstand nun zu beenden. Die Regierung werde sich für die gewünschten Reformen, den Frieden und die Abdankung des Kaisers einsetzen und allen am Aufstand Beteiligten Amnestie gewähren. Doch die anderen, vor allem Gustav Garbe und Lothar Popp, widersprechen entschieden. Der Aufstand müsse im Gegenteil ausgeweitet werden. „Die gegenwärtige schickalsschwere politische Situation gebietet, dass die entstandenen Machtverhältnisse restlos ausgenützt werden für den politische und sozialen Fortschritt des Deutschen Reiches.“

Nun ist Gustav Garbe alles andere als ein Spartakist. Später wird er Stadtverordneter für die SPD und 1920 beim Kapp-Putsch die Republik in Kiel gegen Admiral Magnus von Levetzow verteidigen, Scheers derzeitigen Stabschef. Aber ein Ende des Aufstands, wie Noske ihn fordert, würde beispielsweise bedeuten, dass die Soldaten und Matrosen wieder dem Befehl ihrer Offiziere unterstanden hätten. Und dass der Seekriegsleitung nicht zu trauen war, hat die Regierung in Berlin ganz offensichtlich noch nicht begriffen. In einem Flugblatt verspricht sie zwar eine allgemeine Amnestie für die Meuterer und eine genaue Untersuchung der Vorgänge, tut aber gleichzeitig die befohlene „Todesfahrt“ der Flotte als „unsinniges Gerücht“ ab. Dabei hintergeht sie Admiral Scheer schon wieder. Denn der bringt gerade in Spa Kaiser Wilhelm II. dazu, einem der Kommandierenden Admirale den Einmarsch in Kiel mit einer Brigade zu befehlen. Am Ende scheitert dieser erneute Putschversuch der Seekriegsleitung gegen die Regierung nur daran, dass man nicht über die erforderlichen Truppen verfügt.

 

Nach dem 9. November 1918 wird schnell das Narrativ aufkommen, die Revolution habe die Republik geschaffen. Dabei wird übersehen, dass die Demokratie bereits von der Regierung von Baden eingeführt wurde. Gut möglich, dass es auch ohne Revolution zur Abschaffung der Monarchie gekommen wäre. (Andererseits existieren viele Demokratien auch ganz gut mit einem rein repräsentativen monarchischem Staatsoberhaupt). Das Versäumnis der Regierung von Baden war nicht die mangelnde politische Reform, sondern die mangelnde Entmachtung der Militärs. Zwar hatte man Ludendorff gestürzt, die Bedrohung, die von der Seekriegsleitung ausging, aber völlig übersehen. Wäre es zum „letzten Gefecht“ der Marine gekommen, dann hätte das unabsehbare Folgen gehabt, die die Regierung mit Sicherheit hinweggefegt hätten. Ein erneutes Aufflammen des Krieges bei gleichzeitigen bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Deutschland wäre ein realistisches Szenario. Immer wieder merken deshalb Historiker an, dass die Bezeichung Revolution für die Novemberereignisse eigentlich nicht angebracht ist. Die Meuterei von Kiel richtete sich nicht gegen die legitime Regierung, sondern gegen einen Putschversuch der Seekriegsleitung gegen ebendiese. Die „Revolution“ hat die deutsche Demokratie demnach nicht herbeigeführt, sondern gerettet.

Doch die erfolgreiche Verhinderung dieses „letzten Gefechts“ kann die revolutionäre Stimmung nicht mehr beruhigen. Zu groß ist das Misstrauen gegen die alten Kräfte, vor allem das Militär, das noch immer Soldaten einberuft, zu groß die Angst angesichts des zermürbenden Notenwechsels mit den USA und dem „Unannehmbar“-Getöse der rechten Presse, dass der Friedensprozess noch scheitern könnte. Zudem hatten viele regionale Regierungspräsidenten, Innenminister oder Polizeichefs seit Wochen – Unruhen befürchtend – ihre letzten Reserven zusammengekratzt und versucht, möglichst starke bewaffnete Einheiten aufzustellen, was wiederum die Unruhe in der Bevölkerung Vorschub leistete und nun dafür sorgt, dass die Revolution schnell um sich greift. In Hamburg stellen sich 40.000 Menschen, die auf dem Heiliggeistfeld zusammen kommen, hinter den neugewählten Arbeiter- und Soldatenrat. Anschließend marschiert ein riesiger Zug zum Sitz des stellvertretenden Generalkommandos in Altona. Dieses ist jedoch bereits geräumt. Auch in Bremen, Bremerhaven, Brunsbüttelkoog, Cuxhaven, Flensburg, Großenhain, Hannover, Lübeck, Neumünster, Oldenburg, Rendsburg, Rostock, Schwerin und Wilhelmshaven übernehmen Arbeiter- und Soldatenräte die Macht. Meist beginnt die Erhebung in den Kasernen. Dem schließen sich die Fabrikarbeiter an. Sie stoßen dabei im Allgemeinen auf wenig Widerstand, da trotz aller vorangegangenen Bemühungen die „alten Kräfte“ nur über sehr wenige – und wie sich herausstellen sollte, oft auch nicht über „zuverlässige“ – Truppen verfügen. Nur in Lübeck und Hannover versuchen örtliche Kommandeure die militärische Disziplin zunächst mit Waffengewalt aufrecht zu erhalten. Nach der Besetzung der zentralen öffentlichen Gebäude werden Räte gewählt.

 

In Berliner Reichskanzlerpalais treffen sich die Spitzen von SPD und Gewerkschaften unterdessen mit OHL-Chef Wilhelm Groener. Friedrich Ebert beschwört Groener, sich für eine Abdankung des Kaisers und des Kronprinzen einzusetzen, da nur so der „Übergang der Massen in das Lager der Revolutionäre“ verhindert werden könne. Er bietet sogar an, die Monarchie zu erhalten, indem eine Regentschaftsregierung für den ältesten Sohn des Kronprinzen eingesetzt wird. Groener jedoch erklärt, die Verantwortung für die Abdankung nicht übernehmen zu können.

Mitten in die Diskussion platzt Philipp Scheidemann, angeblich kreidebleich und am ganzen Körper vor Aufregung zitternd, und verkündet, dass die Matrosen in Hamburg und Hannover die alten Machthaber festgenommen und die öffentliche Gewalt an sich gerissen hätten. Tatsächlich fürchten die Regierungsparteien, die Revolution könne zum Zusammenbruch jeglicher Ordnung führen, zu einem blutigen Bürgerkrieg, aber auch zu einer Hungersnot, wenn die ohnehin prekäre Ernährungslage weiter gestört wird, „während die Besitzenden sich immer noch zu behelfen wissen werden.“ „Das ist auch in Russland so gekommen, und selbst die Gewaltmethoden des Bolschewismus haben daran nichts zu ändern vermocht“, heißt es in einem Aufruf des SPD-Vorstandes an die Arbeiter. Doch nicht nur in Russland herrscht Hunger. Selbst aus weiten Teilen Österreichs, etwa aus Tirol, werden dramatische Probleme bei der Lebensmittelversorgung gemeldet.

Sogar die Bürgerlichen haben angesichts der Revolutionsgefahr „die Besitzenden“ im Visier. Im Berliner Tageblatt fordert der Nationalökonom Alfred Weber, jüngerer Bruder von Max Weber, die Regierung auf, sofort ein Programm aufzustellen, „dass den Abbau dieser Kriegsplutokratie in radikaler und endgültiger Weise enthält“ sowie „die Kassierung sämtlicher, noch vorhandener Kriegsgewinne und eine auch die verstreuten und versickerten irgendwie ausgleichenden Vermögensabgabe …  als Mittel des Wiederaufbaus einer leidlich nach Gerechtigkeitspunkten gestalteten Gesellschaftsordnung“. Versäume man das, dann werde sich das Volk ein eignes, „dann wahrscheinlich destruktives“ Bild von den nötigen wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen machen.

 

In Lublin bilden sozialistische Politiker dagegen eine Provisorische Volksregierung der polnischen Republik. Der polnische Staat hatte 1797 aufgehört zu existieren. Preußen, Russland und Österreich-Ungarn hatten sich sein Territorium nach und nach vollständig unter den Nagel gerissen. Auch das kleine von Napoleon wieder errichtete und durch den Wiener Kongress bestätigte „Kongresspolen“ war ab 1867 nur noch russische Provinz gewesen. Im Herbst 1916 jedoch hatten Deutsche und Österreicher beschlossen, aus ihren Eroberungen im Osten ein neues Königreich Polen zu formen. Natürlich nur aus den von Russland geraubten Teilen des früheren Polens. Die deutschen und österreichischen Beutestücke standen nicht zur Debatte. Dieses Königreich bekam jedoch nie einen König und auch dem polnischen Regentschaftsrat wurden von den beiden Schutzmächten nur sehr zögerlich Vollmachten übergeben. Zudem rekrutierte Deutschland zwangsweise Arbeitskräfte für die Rüstungsindustrie und ließ Soldaten inhaftieren, die keinen heiligen Eid auf die Militärhilfe für Deutschland und seinen Kaiser schwören wollten. Abgesehen davon jedoch war der deutsche Generalgouverneur Hans von Beseler bei vielen Polen nicht unbeliebt und leistete durchaus gute Aufbauhilfe für den künftigen Staat. Als jedoch Deutschland und Österreich-Ungarn im Februar 1917 im Frieden mit der Ukraine dieser die Provinz Chełm zugestanden, kam es in Polen zu empörten Protesten und Aufständen. Zudem überdachten die Deutschen nach den Umwälzungen in Russland ihr ganzes Polen-Konzept neu. Erich Ludendorff etwa forderte – gegen den Widerstand Beselers – auf polnischem Territorium einen 20.000 Quadratkilometer großen Schutzstreifen einzurichten, der teilweise von polnischer Bevölkerung geräumt und mit Russlanddeutschen besiedelt werden sollte.  Doch mit dem Friedensgesuch hat sich die deutsche Polen-Politik erledigt. Seit Oktober übergibt Beseler seine Vollmachten sukzessive an den polnischen Regentschaftsrat. Diesen jedoch erklärt der Vorsitzende der Provisorischen Volksregierung, Ignacy Daszyński, nun für abgesetzt.

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