Samstag, der 9. November 1918

In den frühen Morgenstunden passieren drei britische Kriegsschiffe, die bislang zum Schutz von Handelschiffen vor der afrikanischen Küste eingesetzt worden waren, die Straße von Gibraltar. Doch dort halten sich noch immer die deutschen U-Boote auf, die am Abend zuvor die Durchfahrt versucht hatten . Um 8:08 Uhr trifft ein Torpedo die Britannia abgefeuert von SM UB-50 unter Oberleutnant Heinrich Kukat. Kurz darauf ein zweiter. Dann explodiert das Sprengstoffmagazin an Bord. Trotzdem kann sich das Schiff noch drei Stunden über Wasser halten, so dass 712 Menschen gerettet werden können. 50 Besatzungsmitglieder jedoch kostet der Angriff das Leben – obwohl der U-Boot-Krieg eigentlich offiziell seit 20 Tagen eingestellt ist. Kukat kommt eineinhalb Jahre später während der Ruhr-Revolution ums Leben. Den deutschen U-Booten jedoch gelingt nun die Durchfahrt.

 

In Berlin händigen unterdessen die Offiziere des Naumburger Jäger-Regiments ihren Soldaten Handgranaten aus. Doch die Soldaten haben keineswegs vor, die Revolution in Blut zu ertränken, sie schicken eine Abordnung zur Redaktion des Vorwärts, um Aufklärung über die Situation zu verlangen. Sie stoßen dort auf den Reichstagsabgeordneten Otto Wels. Der überredet sie, sich der SPD-Führung zu unterstellen und deren Politik zu unterstützen.

Als Alexander von Linsingen, der Oberkommandierende der Marken und Militärbefehlshaber von Berlin erfährt, davon erfährt, verbietet er allen ihm unterstellten Truppen mit den Worten „Deutsche schießen nicht auf Deutsche“ den Gebrauch der Waffe und tritt dann zurück.

In Johannisthal bei Berlin, wo die Marine-Landfliegerabteilung stationiert ist, übernehmen „Rote Soldaten“ und Spartakisten den Flughafen und setzen die Kommandanten und Offiziere gefangen. Anführer der Aktion ist Obermaat Paul Wiczorek. Nach diesem erfolgreichen Coup marschieren die Aufständischen in die Berliner Innenstadt. Dabei kommt es in Treptow zu einem Scharmützel mit kaisertreuen Truppen, bei dem die Revolutionäre größere Mengen an Waffen und Munition erbeuten können. Wie sie ziehen im Laufe des Vormittags Hunderttausende von Menschen in großen Demonstrationszügen ins Stadtzentrum zwischen Reichstag und Stadtschloss. Zwischen den Menschenmassen rollen Militärlastwägen, die aus den Depots geholt worden sind. Sie sind besetzt mit einer bunten Mischung aus Soldaten und Zivilisten. Auch unter den Demonstrierenden tragen viele Waffen, wenn auch meist mit dem Lauf nach unten, um ihre friedlichen Absichten zu demonstrieren. Die Soldaten haben sich ein rotes Band ins Knopfloch geknüpft, die Mütze schief aufgesetzt oder auch die Uniformjacke aufgeknöpft, um zu zeigen, auf welcher Seite sie stehen. Offiziere dagegen, die in den Zug geraten, werden genötigt, sich ihrer Waffen und Ehrenzeichen zu entledigen. „Der ganze Eindruck stark unheimlich und nervenerregend“, notiert der Journalist Theodor Wolff in seinem Tagebuch. Viele der Plakate und Spruchbänder tragen auch Beschwörungen wie „Einigkeit“ oder „Brüder, nicht schießen!“ Gleichwohl fallen den ganzen Tag über an verschiedenen Stellen der Stadt immer wieder Schüsse, was für große Nervosität sorgt. Polizei ist kaum zu sehen.

 

Hinter den Kulissen erklären die SPD-Kabinettsmitglieder ihr Ultimatum um 9 Uhr für abgelaufen. Auf einer Fraktionssitzung wird beschlossen, die Regierung zu verlassen. Arbeitervertreter, die an der Sitzung teilnehmen, berichten, dass in den Betrieben schon Streiks begonnen haben, und fordern eine Verständigung zwischen SPD und USPD. Partei und Regierung beschließen daraufhin den Generalstreik. Damit okkupieren sie die bereits von der USPD losgetretene Bewegung für sich. Gleichzeitig aber bieten sie der USPD eine Beteiligung an einer neuen Regierung an und erklären, notfalls sogar Liebknecht als Minister zu akzeptieren. Da USPD-Chef Hugo Haase aber in Kiel ist, wird die Entscheidung darüber vertagt.

Unterdessen unternimmt Max von Baden letzte Versuche, den Kaiser im fernen Spa zum Rücktritt zu drängen und malt ihm den Teufel einer Revolution eindringlich an die Wand.

Wilhelm II. hat inzwischen 39 Kommandeure befragen lassen. Doch das Ergebnis ist vernichtend. Die Regimenter sind nicht mehr bereit, seinen Befehlen zu gehorchen. Sogar das Erste Garderegiment hat den Gehorsam verweigert. Die OHL erklärt ihm, „dass die bewaffneten Streitkräfte im Falle eines Bürgerkriegs nicht hinter dem Kaiser stehen würden und dass die Armee aus Ernährungsschwierigkeiten nicht imstande sein würde, einen Bürgerkrieg zu führen.“ Trotzdem kann der Monarch sich nicht zum Nachgeben durchringen. Während in Berlin von Baden und auch Ebert auf glühenden Kohlen sitzen, überlegt er, vielleicht als Deutscher Kaiser, nicht aber als König von Preußen abzudanken.

Doch gegen 11:30 Uhr will der Kanzler nicht länger warten. Er veröffentlicht über das Wolffsche Telegraphenbureau auf eigene Faust eine Erklärung, die lautet: „Der Kaiser und König hat sich entschlossen, dem Throne zu entsagen. Der Reichskanzler bleibt noch so lange im Amte, bis die mit der Abdankung des Kaisers, dem Thronverzicht des Kronprinzen des Deutschen Reiches und von Preußen und der Einsetzung der Regentschaft verbundenen Fragen geregelt sind.“

Ein solches Vorgehen war in der Verfassung nirgends vorgesehen und im Grunde ein Staatsstreich. Während die Nachricht über Extrablätter und Aushänge überall bekannt gegeben wird, berät das Kabinett, wie es nun weitergehen soll. Schließlich übergibt Baden mit Zustimmung aller Regierungsmitglieder Friedrich Ebert als dem Führer der stärksten Reichstagspartei die Reichskanzlerschaft. Dessen Bitte, bis zur Neuwahl durch eine Nationalversammlung als Reichsverweser Staatsoberhaupt zu bleiben, lehnt er ab. Später schlägt er das Angebot aus, sich als Kandidat für die neugegründete, linksliberale Deutsche Demokratische Partei bei den Wahlen zur Verfassungsgebenden Nationalversammlung aufstellen zu lassen. Stattdessen zieht er sich wieder ins Privatleben zurück und unterstützt die beiden Reformpädagogen Kurt Hahn und Karl Reinhardt bei der Gründung der Schule Schloss Salem.

 

Ebert versichert den anderen Regierungsmitgliedern, in deren Reihen er auch noch seine Genossen Philipp Scheidemann und Otto Landsberg aufnimmt, dass sein Ziel die möglichst baldige Wahl einer verfassunggebenden Nationalversammlung sei. Eine Einberufung des alten Reichstages von 1912, wie ihn Baden wünscht, lehnt er ab.

Nach der Kabinettssitzung wendet er sich mit mehreren Aufrufen an die Öffentlichkeit. Er verspricht eine Volksregierung zu bilden und Frieden zu schließen. Außerdem müsse die Nahrungsmittelversorgung sichergestellt und eine verfassungsgebende Nationalversammlung gewählt werden, erstmals auch von Frauen. Die Soldaten sollen möglichst schnell zu ihren Familien und einer normalen Erwerbsarbeit zurückkehren. Das Eigentum müsse vor willkürlichen Eingriffen geschützt werden. Eindringlich bittet er die Aufständischen, die Straßen zu verlassen, und die Beamten, auf ihren Posten zu bleiben und der neuen Regierung zur Verfügung zu stehen, um Deutschland vor Anarchie und schrecklichem Elend zu bewahren.

Die Neuigkeiten werden größtenteils mit Begeisterung aufgenommen, doch die Straßen verlässt deswegen natürlich niemand. Schon gar nicht die revolutionären Arbeiter und Soldaten, die mehr und mehr öffentliche Gebäude und strategische Plätze besetzen – ob für die Demokratie oder eine sozialistische Republik ist in den meisten Fällen unklar, oft wahrscheinlich sogar den Besetzern selber. Aber auch die übrige Bevölkerung strömt ins Zentrum, während Vororte und Nebenstraßen verwaist sind, die Geschäfte geschlossen.

 

Gegen 14 Uhr machen Gerüchte die Runde, Karl Liebknecht plane, die sozialistische Republik auszurufen. Anhänger der SPD eilen in den Reichstag, wo die Parteispitze beim Mittagessen – es gibt Kartoffelsuppe – zusammensitzt und bedrängen die Anwesenden, sofort zu den versammelten Massen zu sprechen. Ebert hält das jedoch für keine gute Idee. Philipp Scheidemann jedoch lässt sich überzeugen, tritt „zwischen Suppe und Nachspeise“, wie er später sagt, ohne sich mit irgendjemandem abzusprechen, auf den Reichstagsbalkon und ruft die Republik aus. Von seiner Rede kursieren mehrere Varianten. Eine lautet: „Der Kaiser hat abgedankt. Er und seine Freunde sind verschwunden, über sie alle hat das Volk auf der ganzen Linie gesiegt. Prinz Max von Baden hat sein Reichskanzleramt dem Abgeordneten Ebert übergeben. Unser Freund wird eine Arbeiterregierung bilden, der alle sozialistischen Parteien angehören werden. Die neue Regierung darf nicht gestört werden in ihrer Arbeit für den Frieden und der Sorge um Arbeit und Brot. Arbeiter und Soldaten, seid euch der geschichtlichen Bedeutung dieses Tages bewusst: Unerhörtes ist geschehen. Große und unübersehbare Arbeit steht uns bevor. Alles für das Volk. Alles durch das Volk. Nichts darf geschehen, was der Arbeiterbewegung zur Unehre gereicht. Seid einig, treu und pflichtbewusst. Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue. Es lebe die deutsche Republik!“

Sowohl sein Auftritt wie seine Worte treffen den Nerv der versammelten Menschen. Ebert jedoch ist fuchsteufelswild und hält dem Parteifreund vor, dass er kein Recht zu einem solchen Schritt gehabt habe. Über die Ausrufung einer Republik habe die Konstituante, also eine demokratisch gewählte, verfassungsgebende Versammlung, zu entscheiden.

Ungefähr zeitgleich – aber das erfahren die im Reichstag erst Stunden später – ruft Liebknecht im Berliner Lustgarten von einem Lastwagen mit Lautsprecher herunter tatsächlich die sozialistische Republik aus. Nach der Erstürmung des Schlosses durch revolutionäre Einheiten wiederholt er um 16 Uhr von einem Balkon in einem der Schlosshöfe: „Parteigenossen, ich proklamiere die freie sozialistische Republik Deutschland, die alle Stämme umfassen soll. In der es keine Knechte mehr geben wird, in der jeder ehrliche Arbeiter den ehrlichen Lohn seiner Arbeit finden wird. Die Herrschaft des Kapitalismus, der Europa in ein Leichenfeld verwandelt hat, ist gebrochen.“ Danach erklärt er noch, Deutschland müsse dem russischen Beispiel folgen und ruft zur Weltrevolution auf.

 

Währenddessen schickt in Spa Wilhelm II. ein Telegramm ab, in dem er sich mit seinem Rücktritt als Kaiser einverstanden erklärt, aber auf die preußische Königskrone pocht. Doch das interessiert niemanden mehr.

 

Die Revolutionären Obleute jedoch, die ihre Erhebung eigentlich erst für den 11. November geplant hatten, wollen Ebert als Reichskanzler verhindern. Gegen 20 Uhr besetzen sie den Reichstag. Sie erklären sich zum Revolutionsparlament und beschließen, am nächsten Tag zu Wahlen von Arbeiter- und Soldatenräten in jedem Betrieb und jedem Regiment aufzurufen. Diese Räte sollen dann einen aus den beiden Arbeiterparteien zusammengesetzten Rat der Volksbeauftragten wählen, der an die Stelle des Reichskanzlers tritt.

Den Johannisthaler Matrosen gelingt es am Abend, Liebknecht zutreffen. Sie bieten ihm sich ihm als „Rote Garde“ an. Er verweist sie an seinen Vertrauten Heinrich Dorrenbach. Der Sekretär aus Neuss meldete sich 1914 freiwillig, wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet und zum Leutnant befördert, wandelte sich aber zum Kriegsgegner und wurde nach einer versuchten Desertion erst inhaftiert, dann unehrenhaft entlassen. Er hat bereits damit begonnen, bewaffnete Formationen für die sozialistische Revolution zu formen. Die Matrosen richten sich im Neuen Marstall auf der Spreeinsel ein.

 

Der Tag hat jedoch auch Opfer gekostet. In Berlin sind 11 Aufständische bei den Unruhen umgekommen. So versuchten Demonstranten ein Kasernentor der „Maikäfer-„Kaserne der vorwiegend adeligen, wegen ihrer Uniform so genannten Garde-Füsiliere in der Chausseestraße aufzubrechen. Ein Offizier schießt zurück und tötet dabei einen Gastwirt und zwei Handwerker, von denen einer zu den Revolutionären Obleuten gehört. Und der Reeder Albert Ballin, der die HaPAG zur größten Schifffahrtslinie der Welt gemacht hat und als enger, aber nicht unkritischer Freund Wilhelms II. der deutschen Regierung in diversen diplomatischen Missionen zur Verfügung gestanden ist, nimmt sich selbst das Leben, als er von dem Thronverzicht des Monarchen hört. Theodor Wolff schreibt: „Ballin war einer jener geistigen und ganz von Güte erfüllten Menschen, die man in seltenen Glücksstunden auf seinem Lebenswege trifft, einer der klarsten Geister, die Deutschland besaß. … Es ist unendlich traurig für seine Freunde, dass sein kluger Mund nie wieder zu ihnen sprechen wird.“

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