Sonntag, der 9. März 1919

In Berlin gehen die erbitterten Straßenkämpfe im Osten weiter. Die bürgerliche Presse spricht von einem „Franktireurkrieg“ der Linken und weckt damit die Erinnerung an französische Partisanen, die im Krieg von 1870/71 deutsche Soldaten aus dem Hinterhalt angegriffen haben.

Die Lüttwitztruppen jedoch gehen mit allem, was sie haben gegen die Barrikaden vor und beantworten Scharfschützenfeuer mit MG-Salven und dem Beschuss schwerer Artillerie. Es kommen Granaten zum Einsatz, die sechs bis sieben Meter große Löcher in den Asphalt reißen, und sogar Kampfflugzeuge. Plan ist, die Aufständischen in einem Kessel einzuschnüren. Dass man sich nicht auf einem Schlachtfeld befindet, sondern in dicht bebauten Wohnvierteln voller Zivilisten spielt keine Rolle.

Gegen Mittag verbreiten das Wolffsche Telegraphenbureau und die Boulevard-Zeitung B. Z. am Mittag, Spartakusleute hätten in Lichtenberg 60 Kriminalbeamte und weitere Gefangene ermordet. Die bürgerlichen Zeitungen und der Vorwärts greifen die Falschmeldung auf, teilweise werden aus den 60 bis zu 200 Opfer, dazu kommena auf bestialische Weise abgeschlachtete Frauen.

Waldemar Papst drängt daraufhin Noske, einen „Schießbefehl“ zu erlassen. Dieser verfügt, dass jede Person, die mit der Waffe in der Hand gegen Regierungstruppen kämpfend angetroffen wird, auf der Stelle erschossen werden kann. Vor dem Hintergrund des angeblichen Massakers in Lichtenberg (wo in Wahrheit bei einer bewaffneten Auseinandersetzung ein Polizist getötet, ein zweiter verletzt worden war), stimmten weite Teile der Bevölkerung dieser Maßnahme zu. Auch das Berliner Tageblatt schreibt, diese Mordtat sei nur ein besonders scheußlicher Fall „in der Unzahl der bestialischen Scheußlichkeiten, die von dem spartakistisch-kommunistischen Verbrechertum gegenwärtig verübt werden.“ Dagegen müsse „ein Volk, das leben will“ sich mit allen Mitteln schützen, über die es verfüge. Später wird Pabst erklären, er habe das Gerücht über die Lichtenberger Morde bewusst gestreut, um einen Schießbefehl zu erhalten.

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